Familie Paul-Breitkopf-Preis 2010


[...] Der Familie Paul-Breitkopf-Preis geht dieses Jahr an die Künstlerin Elisabeth Bader für ihre "Leere Reisehandtasche".

Aus vielen unterschiedlichen Papieren, die gehärtet und teils pigmentiert und mit einfachen Klammern verbunden oder geklebt sind, entsteht ein Objekt, dass sich uns ohne Rahmen aussetzt. Einzig seine Größe mag ein bisschen Monumentalität erzeugen, die im Widerspruch zum zarten Material steht.

Diese Tasche ist leer, sie ist leicht, und sie kann gefüllt werden mit zahlreichen Assoziationen, wie Herr Schilhansl uns noch bei der Preisübergabe zeigen wird. Die Tasche als Gefäss, das Gefäss als Metapher: Neben dem Stuhl mag die Tasche eines der universalen menschlichen Objekte sein. In ihren Formen ist diese "leere Reisehandtasche" zugleich ein aus dem Material "gezeichnetes" Objekt, das Linien und Flächen verbindet und eine zarte Plastizität, ja sogar einen gewissen Realismus in den Details besitzt.

[...] Alle in diesem Jahr ausgezeichneten Arbeiten zeigen mir in ihrer Unterschiedlichkeit eine Gemeinsamkeit: Eine besondre Beziehung zur Wahrnehmung von Orten, Objekten oder Situationen. Das Besondere der Objekte, die den Geist berühren, in ihrer Materialist ungewöhnlich sind, nicht als Dekorationsstücke funktionieren, wird zum Ausgangspunkt, ob es der eigene Strich oder die gesehene Szene ist. In bestem Sinne wir der Horizont erweitert, die Wahrnehmung sensibilisiert, nicht verwaltet und funktionalisiert.

Auszug aus der Laudatio:

"[...] mucksmäuschenstill hatte ich am Tage der Auswahl über lange Zeit unserer hochkarätigen Jury zugehört. Ein stundenlanges Ringen auf höchstem Niveau. Als dann dieses eigenwillige Plastikgebilde als besonders preiswürdig gekürt wurde, - bewegte sich in mir etwas Eigenartiges, und ich konnte es mir zunächst gar nicht erklären.
Gedankenverbindungen sind manchmal ganz persönlich.

Die Stifterin des Familie-Paul-Breitkopf-Kunstpreises, Frau Erna Fendt, ist vor drei Jahren verstorben. Geboren 1927, im Jahre 1946 als s19-Jährige heimatvertrieben, - die Aussteuer: ein schäbiger Rucksack. Ausschließlich durch rechtschaffene Arbeit und Sparsamkeit hatte sie sich bis zu ihrem Lebensabend ein kleines Vermögen zusammengespart. Kinderlos, - hatte sie mehr als 90% dieses Vermögens, ca. 400.000,- Euro, in eine Stiftung eingebracht, bescheiden benannt nach ihrem frühverstorbenen Vater. Die Erträgnisverwendung: Förderung von Kunst und Kultur nicht irgendwo, sondern in ihrer neuen Heimatstadt. Ein zierliches, zerbrechliches Persönchen, höchst intelligent, sehr sensibel. Ihr großes Interesse am Kulturleben in Marktoberdorf war ihr Halt, Stütze, Abwechslung und Bereicherung im späteren, einsamer werdenden Leben geworden.

In den letzten Lebensjahren hatte sie gelegentlich das, was man vielleicht einen „Tick“ nennen könnte. Aus der Befürchtung heraus, jemand könnte bei ihrer Abwesenheit in ihre Wohnung einbrechen, - schleppte sie bei jedem Bank- oder Behördenbang viele ihrer persönlichen Unterlagen, Dokumente und Kontoauszüge in einer großen Tasche mit sich. Später kam eine zweite große Tasche dazu, - und ein Rollgestell. Sie schleppte sich ab. Ich war ich eine der wenigen Vertrauenspersonen, wohl auch, weil ich spüren ließ, dass ich wusste: Fast alle anderen Menschen tragen auch ihre großen Päckchen mit sich herum. Nur sieht man die nicht immer.

Als ich die große leichte Tasche (-> „Leere Reisehandtasche“) sah, erinnerte ich mich an den uralten Reisewunsch, den ich selbst noch in meiner Jugend gehört hatte, und der sowohl für eine irdische Reise als auch für eine spätere Weiterreise vom Volke so geäußert wurde: „Wir wünschen Dir für Deine Reise ein leichtes Gepäck.“ Und das eben sind preiswürdige Kunstwerke, die in vielfältiger Weise gute Gedanken befördern. [...]"